Ausstellung 17. November 2017 - 8. Januar 2018
Vernissage 16. November 2017

Marc Martin: FENSTER ZUM KLO
Ein privater Raum im öffentlichen Raum

Die öffentliche Bedürfnisanstalt hatte noch nie einen guten Leumund. Seit einigen Jahren ar­bei­tet der französische Fotograf Marc Martin in Paris und Berlin zur Geschichte der Pissoirs und dem, was sie erlebt ha­ben. In diesen kostbaren Büdchen konnten sich unbeargwöhnt flüchtige oder intensive Beziehungen und Freund­schaften entspinnen. Gewiss haben die dabei gefundenen Abwege ihre Spuren eher in den Pro­to­kollen der Sittenpolizei als in der Literatur hinterlassen. Die homosexuelle Community schämt sich ihrer wohl eher, als dass sie stolz auf sie wäre. Und dennoch bedeuteten diese Gebäude für zahl­rei­che Schwule, Transvestiten, Stricher und Sittenstrolche auch die Freiheit zum Aben­teuer. Diese Durchgangsorte erlaubten untypische Gemeinschaften, in denen die sozialen Klas­sen durcheinandergerieten und sich unterschiedliche Kulturen vermischten. So konnten sich in diesen „Piss­buden” alle möglichen Männer mit verfehmten Wünschen näherkommen, sofern sie ihre Angst über­wanden. Die Klappen haben Millionen Männern gute Dienste geleistet.
Obwohl diese Sichtbarkeit nur im „Untergrund“ möglich war und oft als unwürdig und erniedrigend galt, zeigte sie doch immerhin, dass es so etwas wie Homosexualität überhaupt gab. Angesichts der all­ge­meinen Missachtung und unter dem strafenden Auge des Gesetzes drückte sich diese bis in die Acht­zigerjahre mehr recht als schlecht eben dort aus, wo sie ein Schlupfloch fand.
Auf trüber Keramik oder vergilbter Ölfarbe haben sich hinter verschlossenen Türen Millionen von Graffiti angesammelt. Frei von den üblichen Regeln, ließen sie die Möglichkeit einer oder mehrerer Pa­rallel­welten aufscheinen... Sie erzählen uns in einer rohen, zotigen Sprache von den un­ein­ge­stan­de­nen Wünschen einer ganzen Gesellschaft. Die Kreideinschriften an den Wänden der Klappen waren die Vorfahren der Kleinanzeigen. Als Anziehungspunkte für unaussprechliche Freiheiten, als Post­äm­ter für geheime Nachrichten oder als Rückzugsorte für verbotene Neigungen speicherten sie je­weils die Fantasien, die ihnen im Zentrum einer jeden Stadt und eines jeden Dorfes anvertraut wur­den. Inmitten von Beleidigungen und rassistischen Äußerungen drücken sich trotz alledem auch Be­gier­de und Liebe aus. Letztere sind es, die der Arbeit von Marc Martin die Richtung weisen.
Marc Martins beschäftigt sich mit urbanen Phantomen im Zusammenspiel mit männlichen Vorstellungswelten. Seine Fotos entlocken den Schattenseiten ihren heimlichen Glanz. Auch seine Hin­wen­dung zu den Klappen ist nicht ganz harmlos. In seiner Betrachtungsweise überlagern sich die Epochen. Er ar­beitet sich am politisch Korrekten ab, indem er diesem die genaue Beobachtung des mensch­lichen Lebens gegenüberstellt. Daher begnügt er sich nicht mit den Klischees über die letzten Über­bleibsel einer verlorenen Vergangenheit, sondern er haucht ihnen mit aktuellen Inszenierungen, mit Zeugenberichten, mit Anekdoten und Archivdokumenten, die er über die Jahre aufgelesen hat, neues Leben ein. Seine aktuellen Fotos wird er zusammen mit denen anderer in Verbindung mit Zi­ta­ten verschiedener Autoren ausstellen. Den Düften der Klappen hat er bis in die Dichtung von Verlaine und Rimbaud nachgespürt. Seine Arbeit im Grenzbereich von Poesie und Pornografie legt so gerade ge­genüber den jüngeren Generationen Zeugnis von einer Welt der sexuellen Begegnungen ab, die heu­te nahezu verschwunden ist.